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Aber das Wort Gottes kam doch in die Stadt...

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Plötzlich war das Gerücht da, lief durch die Stadt, wollte nicht mehr verstummen. Die Kirchenpresse warnte: Niemand lasse sich täuschen! Das Wort Gottes kann gar nicht "kommen", es ist längst gekommen. Wir besitzen es in den heiligen Büchern, und wir haben Experten, die es für Laien auslegen, zurechtlegen, mundgerecht machen.

Aber das Wort Gottes kam doch in die Stadt. Es klopfte an der Haustür einer Frau, deren Mann ein Trinker war. Die Tür ging auf. "Was wollen Sie?" fragte die Frau, "die Trinkerfürsorge war heute schon da. Und Sie? Wer sind Sie denn überhaupt?"

"Ich bin doch angemeldet, wissen Sie es nicht? Ich bin das Wort Gottes."

"Oh, Sie sind das? Alle haben sie was zu sagen. Worte, Worte, nichts als Worte! Aber Taten vollbringt keiner."

"Aber lassen Sie mich doch erstmal herein. Ich habe Ihnen ein ganz persönliches Wort zu sagen. Wenn Sie auf mich hören, dann tut sich was in Ihrem Leben..."

Aber das Wort Gottes hatte keine Chance. Die Frau war einfach nicht interessiert. Auch bei einem christlichen Politiker, einem Manager, einem Arzt und vielen anderen Personen lief es nicht anders.

Schließlich wurde das Wort Gottes in die Kirche der Stadt eingeladen. Es war Sonntag. Die Geistlichkeit bereitete ihm einen feierlichen Empfang. Sogar ein Thron war bereitgestellt worden. Das Wort Gottes nahm darauf Platz. Dann begann der Prediger, das Wort Gottes zu preisen. Er sagte, es rede in einer alten Sprache und habe sich deshalb die Zunge des Predigers geliehen, um sich allen verständlich zu machen. Und so sprach er über das Wort, aber das Wort Gottes selbst kam nicht zu Wort.

Das merkten die Leute. Sie fanden die Rede des Predigers langweilig und fingen an, nach dem Wort zu rufen. "Das Wort!" schrien sie, "wir wollen das Wort hören!"

Aber das Wort Gottes war nicht mehr in der Kirche. Es war unbemerkt hinausgegangen. Auf dem Thron lag nur noch ein altes Buch ...
Schließlich machte sich das Wort Gottes auf den Weg zu einem Theologen. Dort entwickelte sich schnell ein Gespräch, denn der Theologe war über den Besuch des Wortes Gottes sehr erfreut. "Schön, daß Sie da sind", sagte er. "Ich habe schon auf Sie gewartet, denn ich muß Ihnen eine Frage stellen."

"Fragen Sie nur", antwortete das Wort Gottes, "das freut mich sehr. Sie sind nämlich, seit ich in der Stadt bin, der erste, der mich etwas fragen will. Die anderen haben immer nur über mich geredet."

Darauf der Theologe: "Ich frage Sie also, was Sie bei mir zu suchen haben. Ausgerechnet bei mir, der ich Sie doch durch und durch kenne. Sie kennen doch gewiß das Buch, das ich über Sie geschrieben habe. Fehlt da etwa was?"

"Nein, eigentlich nicht" , gab das Wort Gottes nachdenklich zur Antwort. "Nur das Wichtigste, das fehlt: Ich selbst bin nicht drin. Sie haben mich zwar untersucht und eine Menge über mich herausgefunden, aber mich selbst haben Sie nie gesucht. Sie haben nicht aufgegeben, wenn es darauf ankam, die verschiedenen Probleme, die ich Ihnen und Ihren Kollegen immer wieder verursache, mutig anzupacken und, wenn möglich, klug zu lösen. Aber immer, wenn ich Sie und Ihre Kollegen über mich sprechen höre über meinen Ursprung, meine Gestalt und meine Geschichte -, komme ich mir selbst ganz fremd vor."

"Fremd sagen Sie?" entgegnete der Theologe erstaunt, "warum?"

"Sehen Sie, Sie haben mich einfach nicht so erkannt, wie ich erkannt werden möchte. Wer über mich redet, steht nämlich immer in der Gefahr, mich zu zerreden."

Der Theologe wurde ärgerlich. "Ich soll Sie zerredet haben? Die Wahrheit über Sie habe ich gesucht, und wie Sie eben zugegeben haben, mit einigem Erfolg. Ich verstehe nicht, was Sie eigentlich wollen."

"Da haben wir es. Ich verstehe, daß Sie mich nicht verstehen. Das können Sie auch gar nicht, denn Sie halten mich immer auf Distanz. Nie lassen Sie zu, daß ich Ihnen wirklich einmal nahe komme. Sie machen mich zum Objekt Ihrer Arbeit, machen sich buchstäblich über mich her. Es macht Ihnen Freude, mich scheinbar zu bewältigen. Aber an Sie selbst lassen Sie mich nicht heran. Dabei habe ich es gerade darauf abgesehen. Ja, ich möchte Ihnen zu Leibe rücken. Sie sprechen nur über mich, ich aber möchte mich in Sie hineinsprechen, denn dazu bin ich gekommen.
Was ich bei Ihnen zu suchen habe, fragen Sie? Jetzt wissen Sie es. Ich suche Sie, Sie ganz persönlich. Und falls Sie es noch genauer wissen wollen: Ich möchte, daß ich durch Sie zu anderen Menschen sprechen kann."

Der Theologe war völlig durcheinander. "Was soll denn das?!" rief er. "Bin ich denn etwa ein Prophet?! Das können Sie mit mir nicht machen, schließlich bin ich Theologe!"

"Genau das ist Ihr Problem", antwortete das Wort Gottes. Mit diesen Worten ging es aus dem Zimmer und machte sich auf den Weg, die Stadt zu verlassen...

Ich glaube, daß die Bibel allein die Antwort auf alle unsere Fragen ist und daß wir nur anhaltend und demütig zu fragen brauchen, um die Antwort von ihr zu bekommen. (Dietrich Bonhoeffer)

Helmut Mayer

 
 
 
 
 
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