Die Zeitspanne zwischen der Schöpfung und heute bereitet immer noch einigen adventistischen Gelehrten Kopfzerbrechen. Die einen halten strikt an der 6 000-Jahr-Theorie fest; andere sind bereit ein- oder zweitausend Jahre dazuzugeben, das Wichtigste bleibe die Schöpfung an sich. Es gibt jedoch auch solche, die zumindest persönlich bereit sind, die Möglichkeit noch wesentlich längerer Zeiträume einzuräumen.
Offensichtlich bietet die Bibel keinen genau chronologischen Zeitablauf seit der Schöpfungswoche, obwohl sie einige präzise Details bietet, die wichtig für diese Zeitbestimmung sind. Es gab schon viele Versuche, biblische Ereignisse zu datieren, aber sogar der bemerkenswerteste, von Erzbischof Usher, kann nicht ohne offensichtliche Vorbehalte akzeptiert werden. Wenn man keinen genauen Zeitpunkt für die Schöpfungswoche ermitteln kann, warum ist dieses Thema dann überhaupt wichtig?
Wenn wir unseren Glauben an die 6 000-Jahr-Theorie aufgeben, verlängert man schnell die Zeit auf 10 000, 200 000 oder sogar Millionen Jahre. Außerdem erscheint die Wiederkunft Christi um so entfernter und unser Auftrag um so bedeutungsloser, je weiter wir die Schöpfung zurückdatieren.
Das Zurückdatieren der Schöpfung hilft nicht, die von modernen Wissenschaftlern angenommenen Millionen von Jahren zu widerlegen. Wer ein oder zwei Jahrtausende hinzufügt, macht dies gewöhnlich, um die Funde archäologischer Ausgrabungen unterzubringen, die auf Zivilisationen hindeuten, die schon drei oder vier Jahrtausende v. Christus existierten und wahrscheinlich erst nach der Sintflut entstanden sind. [Der biblische Bericht datiert sie im 24. Jahrhundert v. Chr.]
Die Befürworter kleiner Ausweitungen der ungefähr 6 000 Jahre stützen sich auf ein paar chronologische Lücken in bestimmten Schriftabschnitten. Die bekannteste ist, daß Mose offenbar Kenan zwischen Arpachschad und Schelach ausgelassen hat (s. 1. Mose 10,24; 11,12) während Kenan in der Chronologie von Lukas erwähnt wird (vgl. Lukas 3,36). Diese Lücken lassenjedoch nur winzige Änderungen in der zeitlichen Darstellung seit der Schöpfung zu.
Der Trend, die Zeitperiode zu verlängern, geht einher mit der wachsenden Sorge unter adventistischen Gelehrten um die wissenschaftlichen Beweise und die Standpunkte der anderen christlichen, insbesondere der konservativen Gelehrten. Dadurch kamen manche zu dem Schluß: Die Bibel gebe gültige Antworten bei Erlösungsthemen, sei jedoch weder ein geschichtlicher noch ein wissenschaftlicher Text, und auf diesen »unwichtigen Gebieten« fehlbar.
Die Gefahr dieser Haltung besteht in ihrer logischen Schlußfolgerung. Wenn die Teile der Heiligen Schrift, die zur Debatte stehen, also die geschichtlichen und wissenschaftlichen Textpassagen, eventuell Irrtümer enthalten, wie können wir dann sicher sein, daß das Prinzip der Erlösung nicht auch falsch ist, da wir es nicht auf Unfehlbarkeit untersuchen können? Es ist wesentlich zu verstehen, daß die Bibel solche Fehler nicht zuläßt (siehe 2. Timotheus 3,16; 2. Thessalonicher 2,13; 1. Petrus 1:16-21) und das Christus die geschichtliche Unfehlbarkeit des Alten Testamentes unterstützt hat (siehe Markus 10,6; Matthäus 24,38.39; 12,3-5).
Ellen White läßt gewiß keine Zweifel an der historischen und wissenschaftlichen Unfehlbarkeit der Bibel.
Folgende Aussagen stehen stellvertretend für viele andere: »Die Wissenschaft entdeckt ständig neue Wunder; ihre Forschungstätigkeit fördert jedoch nichts zutage, was, richtig verstanden, der göttlichen Offenbarung widerspräche.« (Education, 128; Erziehung, 117)
»Die Heilige Schrift ist das älteste und umfassendste Geschichtswerk, das die Menschen besitzen. Es floß in lauter Frische aus dem Quell ewiger Wahrheit, und eine göttliche Hand hat durch alle Zeiten hindurch seine Reinheit bewahrt. Es hellt die ferne Vergangenheit auf, zu der menschliche Forschung vergeblich vorzudringen sucht. Allein im Wort Gottes erblicken wir die Macht, die die Grundfesten der Erde gelegt und die Himmel ausgebreitet hat. Hier nur finden wir einen glaubwürdigen Bericht über den Ursprung der Völker. Hier allein ist eine Geschichte des Menschengeschlechts aufgezeichnet, die nicht durch Menschenstolz oder -vorurteil gefärbt ist.« (Education, 173; vgl. Erziehung 160)
Es steht außer Frage, daß Gottes Wort verläßlich ist, sowohl in den Einzelheiten des Erlösungsplanes, als auch in den wissenschaftlichen und geschichtlichen Aussagen. Die Gefahr besteht vielmehr, daß man Gottes Wort an den menschlichen Hypothesen prüfen will, die sich ständig ändern. Es ist ratsam, folgende zwei bedeutende Warnungen gegen solches Vorgehen zu beachten: »Man darf die Bibel nicht an den wissenschaftlichen Vorstellungen der Menschen prüfen; die Wissenschaft ist am unfehlbaren Maßstab der Bibel zu prüfen.« (Counsels to Parents and Teachers, 425. Siehe auch: Patriarchs and Prophets, 114; vgl. Patriarchen und Propheten, 91-92; The Ministry of Healing, 427.461.462; vgl. Der Weg zur Gesundheit, 329.364)
»Alles, was dem Worte Gottes widerspricht, kommt vom Widersacher, dessen können wir sicher sein.« (Patriarchs and Prophets, 55; vgl. Patriarchen und Propheten, 32)
Siebenten-Tags-Adventisten halten an Gottes Wort fest, selbst wenn man sie deshalb als Bildungsfeinde bezeichnen sollte. Das heißt vielleicht manchmal, augenscheinliche Beweise ignorieren zu müssen, damit wir bei Gottes Wahrheit bleiben. Es ist vernünftig, zu erwarten, daß Satan die kontrollierten, sorgfältigen Forschungen der Wissenschaft benutzen wird, wie er die Beweise der Magier in vergangenen Jahrtausenden benutzte.
Es ist entscheidend, daß wir unseren Gemeindegliedern, insbesondere den Jugendlichen, wie nie zuvor zeigen, wie wichtig es ist, einen festen Glauben an Gottes Wort zu entwickeln. Wir dürfen bei keinem Thema der Wahrheit zweideutig sein, um zu verhindern, daß uns Wissenschaftler und Gelehrte kritisieren, oder um einer brenzligen Lage zu entfliehen. Jeder Kompromiß dieser Art wird den Glauben untergraben, anstatt ihn zu stärken. Glaubenstraining ist heute notwendig, damit wir vorbereitet werden auf die schweren Prüfungen, die uns bevorstehen.
Die Unsicherheit in bezug auf die Zeit, die seit der Schöpfung vergangen ist, ist eindeutig durch wissenschaftliche Überlegungen verursacht. Obwohl die Bibel kein genaues Datum für die Schöpfung gibt, unterstützt sie die 6 000-Jahr-Näherung. Weil die Bibel jedoch kein genaues Datum angibt, gewinnen die Aussagen aus dem Geist der Weissagung an Bedeutung.
Über dreißigmal macht Ellen White unterschiedliche Aussagen, die entweder die 6 000-Jahr-Schätzung unterstützen oder damit übereinstimmen. Die Befürworter einer etwas längeren Zeitperiode behaupten jedoch, daß diese Aussagen idiomatischer Natur seien, also eine feststehende Formulierung enthielten und das Verständnis der damaligen Zeit widerspiegelten. Dabei ist jedoch zu beachten, daß es sogar zur Zeit von Ellen White starke Kritik an der 6 000-Jahr-Sicht gab, sogar unter vielen Christen. Zugegeben, die idiomatische Auslegung scheint durch die Ähnlichkeit der Aussagen gut gestützt. Typische Aussagen sind: »Jesus nahm das Menschsein auf sich, als das Menschengeschlecht bereits vier Jahrtausende lang durch die Sünde geschwächt war.« (Desire of the Ages, 49; Das Leben Jesu, 42)
»6000 Jahre lang hat jener mächtige Geist, einst der höchste unter den Engeln Gottes, es völlig auf Täuschung und Verderben abgesehen.« (The Great Controversy, X; vgl. Der Große Kampf, 12)
Hier jedoch zwei Aussagen aus derselben prophetischen Feder, die der idiomatischen Interpretation deutlich widersprechen:
»Viele, die sagen, daß sie an den biblischen Bericht glauben, wissen nicht mehr ein noch aus mit der Sicht, daß die Schöpfungswoche nur sieben buchstäbliche Tage dauerte und daß die Welt jetzt nur ungefähr sechstausend Jahre alt ist, wenn sie die wunderbaren Dinge erklären sollen, die in der Erde gefunden werden.« (Spiritual Gifts 3, 92)
»Während der ersten 2 500 Jahre der menschlichen Geschichte gab es keine schriftliche Offenbarung. ... Die Niederschrift des überlieferten Wortes begann zur Zeit Moses. ... Dieses Werk dauerte über einen Zeitraum von 1 600 Jahren an, beginnend mit Mose, dem Geschichtsschreiber der Schöpfung und des Gesetzes, bis zu Johannes, dem Schreiber der erhabensten Wahrheiten des Evangeliums.« (The Great Controversy, V; vgl. Der Große Kampf, 1)
Es ist bemerkenswert, daß in mindestens vier Zitaten die Frage mit den Worten »nahezu 6 000 Jahre« weiter beleuchtet wird. (Testimonies 2, 172; vgl. Schatzkammer 1, 198; Spirit of Prophecy 4, 371; The Great Controversy, 518.552-553; vgl. Der große Konflikt, 486.518 [488.519])
Kurz bevor er seinen irdischen Dienst beendete, fragte Christus: »Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?« (Lukas 18,8)
Nur Gottes Volk, die Übrigen, werden diese Frage bejahen können. Im Garten Eden verlor der Mensch zum ersten Mal seinen Glauben an Gottes Wort. Im neuen Eden werden die Bewohner einen unerschütterlichen Glauben an Gottes Wort haben. Während die menschlichen Theorien immer überzeugender werden, und die Täuschungen Satans immer hinterlistiger, wird Gottes Volk nur einen Schutz kennen: Gottes unanfechtbares Wort.
Aus der Zeitschrift "Unser festes Fundament" (3. Ausgabe 1999)
Herausgeber:
hoffnung weltweit e.V.
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