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Urteile nicht über mich!

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Die Toleranz-Botschaft und die Korrigierende Seelsorge

Ist die Gemeinde zu schnell mit einem Urteil bei der Hand? Soll sie lieber niemanden unter korrigierende Seelsorge stellen, um niemanden zu richten?

Die Toleranz-Botschaft ist ein weltlicher Versuch, Seelen zu retten und sie in der Gemeinde zu halten. Wer diese Botschaft glaubt, vertritt die Meinung, dass sich mehr Menschen der Gemeinde anschließen und in ihr bleiben, wenn wir sie ganz einfach "annehmen, wie sie sind", anstatt "ein Urteil über sie zu fällen". Diese Toleranz-Botschaft wird besonders dann lautstark verkündet, wenn ein Gemeindeglied zur Korrigierenden Seelsorge ansteht.

Bei diesem "neuen Evangelium" beruft man sich auf die Aussage Jesu in der Bergpredigt: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet." (Matthäus 7,1)

Menschen, die die Toleranz-Botschaft propagieren, vertreten die Ansicht, dass die Gemeinde falsch handelt, wenn sie jemanden in Gemeindezucht nimmt. Weil nur ein unfehlbarer Gotteinen Menschen wirklich beurteilen kann, deshalb behaupten die Befürworter der Toleranz-Botschaft, dass jeder, der einen Glaubensbruder oder eine Glaubensschwester in Korrigierende Seelsorge nehmen will, ein Heuchler bzw. "Pharisäer" sei, weil er ebenso ein Sünder ist wie der, den er richten will.

Siebenten-Tags-Adventisten, die diese Toleranz-Botschaft für attraktiv halten, finden Unterstützung in Kommentaren von Ellen G. White und bedienen sich ihrer Worte: "Christus gibt hier niemand die Freiheit, ein Urteil über andere zu fällen; das hat er in der Bergpredigt streng verboten, weil dies Vorrecht allein Gott zukommt." (Diener des Evangeliums, S. 432) Auch führen sie eine Aussage von Ellen White zum Gleichnis vom Unkraut und dem Weizen an (Matth. 13): "Mit dem Gleichnis vom Unkraut im Weizen will Christus uns also sagen, dass wir andere Menschen weder richten noch verdammen, sondern in Demut unserer eigenen Urteilskraft misstrauen sollen." (Bilder vom Reiche Gottes, S. 57)

Im vorliegenden Artikel wollen wir die Toleranz-Botschaft näher betrachten und dabei die Ansicht vertreten, dass sie inkonsequent und unbiblisch, ja, ein Widerspruch in sich selbst ist. Dazu werden wir Matthäus 7,1 und Ellen G. Whites Aussagen, die oft zur Unterstützung dieser fragwürdigen Lehre herangezogen werden, genauer unter die Lupe nehmen.

Die Toleranz-Botschaft

Die Vertreter der Toleranz-Botschaft sagen: Viele kommen hauptsächlich deswegen nicht mehr zur Gemeinde, weil die Gemeindeglieder zu sehr dazu neigen, andere zu verurteilen. Eine Gemeinde, die Menschen zum Heil führen will, muss tolerant sein. Toleranz wird mit Offenheit gleichgesetzt. Wer sich für biblische Lehren und deren praktische Umsetzung einsetzt, wird dagegen als allzu eifrig angesehen. Selbst wenn jemand auf dem falschen Weg ist, soll man ihn in Ruhe lassen. Die Gemeinde darf keine Maßnahmen ergreifen, um ihn zurechtzuweisen.

Natürlich ist etwas Wahres an der Beobachtung, dass Gemeindeglieder oft heuchlerisch und zu schnell bei der Hand sind, ein Urteil über ihre Glaubensgeschwister zu fällen, wenn sie sündigen. Doch die Vertreter dieser Toleranz-Anschauung irren gewaltig, wenn sie sagen, es sei verkehrt, Menschen zu richten, die Fehler begehen. Wenn Gemeindeglieder für dieses von Toleranz geprägte Evangelium eintreten und davon überzeugt sind, spielen vor allem zwei Gründe eine Rolle: Erstens verwechseln sie ihre Toleranz-Botschaft mit Respekt, Zuvorkommendheit und Höflichkeit. Zweitens verstehen nur sehr wenige, was wahre Toleranz wirklich bedeutet.

I. Wenn Toleranz mit Respekt verwechselt wird

Aus meinem Lexikon erfahre ich: Toleranz ist eine "faire und nachgiebige Haltung gegenüber Menschen, die sich in ihrer Rassenzugehörigkeit, Religionszugehörigkeit und Volkszugehörigkeit usw. von mir unterscheiden". Echte Toleranz erfordert, Menschen das Recht auf ihre Überzeugungen zuzugestehen, auch wenn ihre Glaubensüberzeugungen aus unserer Sicht falsch sind. Ein toleranter Mensch ist also ein höflicher und verständnisvoller Mensch. Er ist nicht voreingenommen gegen andere Menschen oder ihr Glaubensbekenntnis und ihre Glaubensüberzeugungen. Auch drängt oder zwingt er anderen seine Ansichten nicht auf. Toleranz bedeutet in diesem Zusammenhang, von Eifer und dogmatischen Standpunkten losgelöst zu sein.

Diese Bedeutung von Toleranz (unter der Bezeichnung "Toleranz aus Höflichkeit" bekannt) ist mit Respekt gleichzusetzen. Sie gehört zu den Tugenden, die in den Gesetzen und Einrichtungen zivilisierter, demokratischer Gesellschaften verankert sind. Wir respektieren Menschen, die andere Überzeugungen haben als wir selbst. Wir gehen höflich mit ihnen um und lassen sie ihre Meinungen in öffentlichen Reden zum Ausdruck bringen, obwohl wir vielleicht ganz andere Auffassungen haben und auf dem öffentlichen Parkett energisch gegen ihre Vorstellungen kämpfen.

Die Menschen haben zwar ein Recht darauf, an ihren Auffassungen festzuhalten und sie zu vertreten, aber Respekt und Höflichkeit sind nicht mit der Toleranz-Botschaft zu verwechseln. Der Unterschied zwischen beiden ist gewaltig. Während es bei der Toleranz aus Höflichkeit darum geht, dass jeder respektiert und seine Meinung höflich angehört werden soll, geht man bei der Toleranz-Botschaft weiter und behauptet, dass alle Auffassungen und Praktiken in ihrem Wert, ihren Vorzügen oder ihrem Wahrheitsgehalt gleichwertig sind. Man verwechselt den toleranten bzw. respektvollen Umgang mit Menschen (Toleranz aus Höflichkeit) mit der toleranten Haltung gegenüber ihren Vorstellungen und Verhaltensweisen (Toleranz-Botschaft).

Nach dieser Botschaft kann man keine Vorstellung oder Verhaltensweise ablehnen, auch wenn das in 'einer noch so zuvorkommenden Weise geschieht, ohne sich den Vorwurf einzuhandeln, "verurteilend", "intolerant", "respektlos", "fanatisch" und "extremistisch" zu sein oder anderweitig scharf angegriffen zu werden.

Was heutzutage als Toleranz-Botschaft gepredigt wird, ist überhaupt keine Toleranz, sondern eine Ideologie des Pluralismus in Glaubenssystemen, Relativismus (alles geht) in Ethik und freizügigem Verhalten. Vielen ist folgendes nicht klar: Die Auffassung, dass all diese Standpunkte und Verhaltensweisen gleichwertig sind, ist nicht nur falsch, sondern blanker Unsinn.

Schon der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass einige Auffassungen offensichtlich falsch und einige Verhaltensweisen offenkundig verkehrt sind. Keine bürgerliche Gesellschaft, für wie aufgeschlossen sie sich auch hält, kann jede Art von Vorstellung und Verhalten dulden. Täte sie es, bräuchte es keine Gerichte und keine Polizisten zu geben, die zu schlichten haben, wenn widersprüchliche Ansprüche geltend gemacht werden. In jeder Gesellschaft gibt es einige Überzeugungen und Wertvorstellungen, über die nicht verhandelt werden kann. Wenn eine Gesellschaft nicht über Recht und Unrecht richten kann, ist die Folge Anarchie.

Was für die Gesellschaft gilt, trifft auch auf die Gemeinde zu. Keine christliche Gemeinde kann berechtigterweise Freizügigkeit im Verhalten ihrer Glieder oder Pluralismus in ihren Glaubensüberzeugungen zulassen. Zwar muss die Gemeinde jedermann Respekt erweisen, aber sie muss auch erklären, dass bestimmte Auffassungen und Verhaltensweisen moralisch nicht akzeptiert werden können.

Durch korrigierende Seelsorge will die Gemeinde deutlich machen, dass die Glieder nicht alles glauben und tun können, was ihnen beliebt. Wozu wäre die Gemeinde sonst nötig?

Die Toleranz-Botschaft ist also fehl am Platz, wenn nicht gar ketzerisch, sofern die, die sie vertreten, die Achtung vor Menschen mit dem Tolerierenihrer Ideen und Verhaltensweisen verwechseln.

II. Falsch verstandene Toleranz

Der zweite Grund dafür, warum die Toleranz-Botschaft so beliebt ist, besteht darin, dass nur wenige die eigentliche Bedeutung der Toleranz verstehen. Heute gelten wir als intolerant, engstirnig und fanatisch, wenn wir meinen, jemand glaubt und handelt falsch. Wer andere moralische Auffassungen hat, wird als jemand abgestempelt, der anderen "seine Ansichten überstülpt". Das Problem besteht darin, dass viele von denen, die schnell mit den Vorwurf der Intoleranz bei der Hand sind, einige wichtige Gedanken in Bezug auf die Toleranz nicht ganz verstehen.

Nach Webster's New World Dictionary (2. College Ausgabe) bedeutet Toleranz folgendes: Überzeugungen und Verhaltensweisen zuzulassen, zu erkennen und zu respektieren, ohne diese zu teilen; jemanden oder etwas zu ertragen oder sich mit ihm abzufinden, den oder das man nicht unbedingt mag.

Beachte folgende Sinngebungen, die in der Bedeutung von Toleranz liegen:

1. Toleranz ist nicht Pluralismus

Vertreter der Toleranz-Botschaft weisen auf die eindeutig zu beobachtende Tatsache hin, dass es eine Pluralität von Auffassungen, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen gibt, und ziehen den unberechtigten Schluss, dass allen Standpunkten derselbe Wert zugesprochen werden sollte oder dass es keine zu rechtfertigende Möglichkeit gibt, unter ihnen auszuwählen. Sie machen einen Sprung in der Logik, wenn sie von dem her argumentieren, was existiert bzw. was ist (Pluralität der Standpunkte) zu dem hin, was sein sollte (Pluralismus in Überzeugungen und Ethik).
Aufgrund dieser irrigen Ansicht wird jeder als "dogmatisch" oder "intolerant" betrachtet, der aufzuzeigen versucht, dass es einen richtigen und einen falschen Weg gibt.

Doch während ein wahrhaft toleranter Mensch zugibt, dass es viele miteinander konkurrierende Forderungen in Bezug auf Glauben und leben gibt, toleriert niemand alles. Denken wir nur daran, wie ein Verkündiger der Toleranz-Botschaft wohl reagieren würde, wenn ihm sein wertvollstes Hab und Gut gestohlen wird! Wir alle bewerten und beurteilen die Richtigkeit oder Verkehrtheit bestimmter Ideen und Verhaltensweisen - ob es ums Stehlen und Töten geht (Krieg, Abtreibung, Todesstrafe), um Rassismus, Homosexualität, Scheidung und Wiederverheiratung oder um Pornographie. Wenn nun jeder von einigen Dingen sagt, dass sie geduldet oder nicht geduldet werden sollten, geht es doch eigentlich nicht um die Frage, ob jemand tolerant ist, sondern darum, was der Betreffende auf seiner Liste hat und weshalb.

2. Toleranz bedeutet keine Zustimmung

Um als intolerant zu gelten, genügt es heute, mit jemandem uneins zu sein, besonders in einer aktuellen Angelegenheit. In diesem Fall heißt es von Seiten derer, die die Toleranz-Botschaft vertreten, man wolle "anderen seine Ansichten überstülpen" . Wer sich auf bestimmte Art und Weise unterscheidet, wird für übereifrig und engstirnig gehalten.

Wahr ist jedoch, dass wir andere nur tolerieren können, wenn wir nicht mit ihnen übereinstimmen. Man braucht doch niemanden "tolerieren", wenn man mit ihm einer Meinung ist. Toleranz kann man nur denen erweisen, von denen man meint, dass sie auf dem falschen Weg sind.

Leider geht dieses wesentliche Element der Toleranz - nämlich Uneinigkeit - in heutigen Diskussionen über die Toleranz oft verloren. Von denen, die die Toleranz-Botschaft "richte mich nicht" verkünden, kann zum Beispiel meistens nicht gesagt werden, dass sie im Blick auf homosexuelles Verhalten tolerant seien, da sie ja nichts dagegen haben. Aufgrund der Definition des Begriffes gehört aber zur Toleranz, dass man mit einer Sache nicht einverstanden bzw. dass man ihr abgeneigt ist.

3. Toleranz deutet auf Intoleranz hin

Ein oft übersehenes Paradoxon beim Toleranzkonzept besteht darin, dass der Toleranz eine Art von Intoleranz zugrunde liegt. Da Toleranz erfordert, dass keine Zustimmung und anfangs ein Widerspruch vorhanden ist, folgt daraus, dass der am wenigsten tolerante Mensch alles akzeptiert, weil ein solcher Mensch keine inneren Widerstände überwinden muss. Folglich dürfen wir uns nicht einschüchtern lassen, wenn wir als "intolerant" abgestempelt werden. Am intolerantesten ist jemand, der von nichts oder nur von wenigem überzeugt ist. Ironischerweise ist es so, dass bibelgläubige Christen (die an "dogmatischen" Überzeugungen festhalten) möglicherweise toleranter sind, als ihr Gegenüber, weil es sehr viel mehr Dinge gibt, gegen die sie sind.

4. Toleranz bedeutet weder Unfähigkeit noch Nötigung.

Toleranz hat es zwar mit einer bestimmten Art von Intoleranz zu tun, aber weder mit Ohnmacht noch Machtmissbrauch. Angenommen, wir wollten mit einer Sache aufhören, wenn wir es nur könnten, aber wir haben nicht die Kraft, es zu tun, dann sind wir nicht tolerant, sondern ohnmächtig.

Vieles von dem, was heute in die Rubrik Toleranz eingereiht wird, ist keine wahre Toleranz, sondern im Grunde genommen Feigheit - die Angst, in den Augen unserer relativistischen Welt unpopulär zu sein.

In Bezug auf die Korrigierende Seelsorge verraten viele so genannte tolerante Gemeinden, die irrende Glieder nicht zurechtweisen, ihre Ohnmacht bzw. ihr zu schwaches Rückgrat. Bei echter Toleranz haben wir es mit einer Einschränkung in der klugen Ausübung legitimer Macht zu tun. Denn Gott hat der Gemeinde Vollmacht zur Zurechtweisung gegeben (siehe Matthäus 18,15-18). "Die Gemeinde hat die Vollmacht erhalten, an Christi statt zu handeln. Sie ist Gottes Werkzeug zur Bewahrung von Zucht und Ordnung unter seinem Volk. Ihr hat der Herr die Vollmacht übergeben, alle Fragen in Bezug auf ihr Wohl, auf Reinheit und Ordnung zu regeln. Auf ihr ruht die Verantwortung, Unwürdige aus ihrer Gemeinschaft auszuschließen, die durch ihr unchristliches Verhalten der Wahrheit Unehre bereiten. Was immer die Gemeinde tut - sofern es den Weisungen in Gottes Wort entspricht - wird im Himmel gutgeheißen werden." (Gospel Workers, S. 501)

Darum darf eine wahrhaft tolerante Gemeinde nicht versäumen, ihre Autorität, die Gott ihr gegeben hat, anzuwenden und irrende Glieder zurechtzuweisen. Wenn sie dies tut, kann sich ihr Handeln zum Heil und zur Rettung der Betreffenden auswirken. "Der Herr wünscht, dass seine Nachfolger im Umgang untereinander behutsam seien. Sie sollten aufrichten, wiederherstellen, heilen. Dennoch darf in der Gemeinde die rechte Zucht nicht vernachlässigt werden." (Aus der Schatzkammer der Zeugnisse, Band III, S. 173)

Toleranz bedeutet weder Ohnmacht - das Versäumnis, Macht umsichtig anzuwenden - noch Missbrauch von Macht. Wenn wir unsere Macht anwenden, indem wir unsere Auffassungen, seien sie richtig oder falsch, anderen überstülpen, so beweisen wir nicht nur Intoleranz, sondern wir wenden auch Zwang an.

Ironischer Weise neigen ohnmächtige Gemeinden, die allerlei fragwürdige Überzeugungen und Verhaltensweisen dulden, auch dazu, höchst intolerant mit treuen Gliedern umzugehen, die sich bemühen, an biblischen Lehren und biblischem Handeln festzuhalten. Sie sagen zwar, sie seien aufgeschlossen, aber sie begrüßen nicht immer andere Auffassungen, die biblisch sind. Vielleicht sollte ich nebenbei hinzufügen, dass es auch für jeden riskant geworden ist die biblische Rechtmäßigkeit von Ideologien in Frage zu stellen, die in solchen Gemeinden Eingang finden, wie z.B. die historisch-kritische Methode, Homosexualität, unbiblische Scheidung und Wiederverheiratung, die Einsegnung von Frauen, Rock-Musik, fragwürdige Gottesdienstformen usw.

Wer mutig gegen diese Praktiken aufsteht, wird oft diffamiert, wenn nicht gar verfolgt. Und manchmal haben es treue Adventisten schwer in der Gemeinschaft angestellt zu werden oder ihre Anstellung zu behalten, trotz der Tatsache, dass sie besonders qualifiziert sind. In diesem Zusammenhang gibt es gewöhnlich keine schriftlichen Regelungen, aber wer mit einigen Situationen vertraut ist, kann bezeugen, wie intolerant die Haltung denen gegenüber ist, die an der langjährigen biblischen Position zu den ideologischen Fragen festhalten. Wahre Toleranz bedeutet im Gegensatz zur Toleranz-Botschaft weder Ohnmacht noch Nötigung. Bei ihr geht es immer um eine Einschränkung in der umsichtigen Ausübung legitimer Macht. In der Gemeinde zeigt sich wahre Toleranz, wenn alle Personen unter allen Umständen toleriert werden, indem man ihnen mit Respekt und Höflichkeit begegnet. Doch die Gemeinde toleriert nur Überzeugungen und Verhaltensweisen, die von der Bibel her zu bejahen sind.

5. Toleranz bedeutet weder Gleichgültigkeit noch Passivität

Wir müssen zwischen echter Toleranz und einer moralischen Passivität bzw. Gleichgültigkeit unterscheiden, die der Toleranz-Botschaft zu Eigen ist.

Allzu viel von dem, was unter dem Begriff Toleranz verstanden wird, ist nicht das Ergebnis von prinzipientreuen Beurteilungen; es ist einfach nur moralische Gleichgültigkeit, das heißt, die anderen sind uns egal. Wir scheren uns nicht darum, was sie glauben und wie sie sich verhalten. Jede Gesellschaft oder Gruppe, die der Wahrheit gleichgültig gegenüber steht, ist moralisch am Ende, denn sie ist nicht bereit oder nicht in der Lage, Recht von Unrecht zu unterscheiden. Jede Gemeinde, die herabsinkt auf diese Ebene der Gleichgültigkeit, stellt unausweichlich die Weichen für Gottes Gericht, das über ihre Glieder kommen wird. "Gott macht sein Volk als Ganzes für die Sünden einzelner Glieder verantwortlich. Wenn die Leiter der Gemeinden es versäumen die Sünden, die Gottes Missfallen über die Gemeinde bringen gewissenhaft zu vermitteln, machen sie sich für diese Sünden mitverantwortlich." (Gemeindehandbuch, S. 152)

Darum sollten Siebenten-Tags-Adventisten Korrigierende Seelsorge sehr ernst nehmen. Leider halten diejenigen, die der Toleranz-Botschaft anhängen, weder etwas von der Korrigierenden Seelsorge noch von den Gründen für sie.

Gründe für Korrigierende Seelsorge

Im Gemeindehandbuch ist zu lesen:

"Zu den schweren Sünden, für die Gemeindeglieder unter Gemeindezucht gestellt werden sollen, gehören folgende:

  1. Verleugnung der Grundwahrheiten des Evangeliums und der Hauptlehren der Gemeinde oder Verkündigung von Lehren, die diesen widersprechen.
  2. Offene Übertretung der Gebote Gottes, wie Götzendienst, Mord, Diebstahl, Gottlosigkeit, Glücksspiel, Sabbatübertretung, absichtliches und gewohnheitsmäßigen Lügen.
  3. Übertretung des siebenten Gebotes bezüglich der Einrichtung der Ehe, der christlichen Familie und der sittlichen Maßstäbe der Bibel.
  4. Sünden wie Unzucht, Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern, Inzest, homosexuelle Praktiken und andere Perversionen, Wiederverheiratung einer geschiedenen Person, ausgenommen der ,unschuldige' Partner aus einer wegen Ehebruchs oder sexueller Perversionen geschiedenen Ehe.
  5. Betrug oder bewusst gemachte falsche Angaben in Geschäftsangelegenheiten.
  6. Liederliche Lebensführung, die der Sache Gottes Schande macht.
  7. Festhalten oder Teilhaben an einer spalterischen oder abtrünnigen Bewegung oder Organisation.
  8. Hartnäckige Weigerung, die rechtmäßig eingesetzte Gemeindeleitung anzuerkennen oder sich der Gemeindeordnung und Gemeindedisziplin zu fügen.
  9. Genuss, Herstellung oder Verkauf alkoholischer Getränke.
  10. Genuss von Tabak
  11. Genuss oder Verkauf von Rauschmitteln oder anderen Drogen.

Die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten ist sich dessen bewusst, dass es großer Sorgfalt bedarf, die höchsten geistlichen Interessen ihrer Glieder zu wahren, ihnen eine gerechte Behandlung zu sichern und den guten Ruf der Gemeinde zu schützen.

In manchen Fällen von Übertretung der Gebote Gottes empfindet der Gefallene tiefe Reue, legt freiwillig ein vollständiges Schuldbekenntnis ab und beweist so, dass er sich wirklich bekehrt hat. Dann kann die Gemeinde ihn für eine festgesetzte Zeit unter Gemeindezucht stellen.

Wurde aber das Gesetz Gottes offenkundig verletzt und dem Werk dadurch öffentlich Schande bereitet, so kann die Gemeinde es für notwendig ansehen, das betreffende Glied trotz seines aufrichtigen Bekenntnisses auszuschließen, um ihren Ruf und ihre christlichen Grundsätze zu wahren.

Führt der Schuldige danach ein ordentliches Leben, kann er später durch erneute Taufe wieder in die Gemeinde aufgenommen werden. Die Gemeinde kann es sich nicht leisten, solche Sünden leicht zu nehmen oder ihre Beschlüsse von persönlichen Rücksichten beeinflussen zu lassen. Sie muss gegenüber Sünden wie Unzucht, Ehebruch, allen sittlichen Vergehen und anderen schweren Verfehlungen nachdrücklich und entschlossen ihre Missbilligung zum Ausdruck bringen. Gleichzeitig soll sie aber alles tun, um die Irrenden auf den rechten Weg zurückzuführen.

Während die Welt in Fragen der Moral immer nachlässiger wird, darf die Gemeinde die von Gott aufgestellten Maßstäbe nicht herabsetzen, sondern muss unverzüglich und entschieden handeln, wo sittliche Vergehen vorliegen," (Gemeindehandbuch, Ausgabe 1988, S. 158.159)

Leider ist es so, dass die Anhänger des Evangeliums von der Toleranz sofort ihre Lehre über das "Richtet nicht" einwerfen, sobald das Thema der Korrigierenden Seelsorge zur Sprache kommt.

Doch das Evangelium von der Toleranz ist fehlerhaft, und die "Richtet nicht " - Lehre, auf der sie fußt, ist gleichermaßen fragwürdig, wie nachfolgend aufgezeigt werden soll.

Die "Urteile nicht über mich" - Doktrin

Das Wort Jesu "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet" (Matthäus 7,1), ist vielleicht der zweit bekannteste Vers in der Bibel, wobei an erster Stelle die Aufforderung steht: "Ihr sollt einander lieben," Wir alle wurden schon bei der einen oder anderen Gelegenheit mit dem Zitat "Richtet nicht" konfrontiert, oder man hat uns gesagt: "Was geht dich das an!" bzw. "Urteile nicht über mich!" Selbst weltliche Menschen kennen dieses Bibelzitat gut und wenden es dann gegen Christen an, wann immer es ihnen passt.

Der Beweistext für die "Richtet nicht" Lehre ist derart stark, dass wir selbst dann, wenn wir gezwungen sind, Worte des Tadels oder der Kritik zu sprechen, unsere Kommentare etwa mit den Worten beginnen: "Nun, ich weiß, wir sollen nicht richten, aber ...". Und wenn wir darauf bestehen, die Ansichten und Verhaltensweisen anderer zu richten, bekommen wir zu hören: "Wer bist du, dass du richtest?"

Nur wenige wissen jedoch, dass Kommentare wie "Urteile nicht über mich!" oder "Wer bist du, dass du richtest?" in einem ethischen System verwurzelt sind, das als Relativismus bekannt ist. Beim Relativismus haben wir es nicht mit etwas Objektivem, Universellem, Moralischem, Absolutem zu tun. Hier wird behauptet, es gäbe keine Maßstäbe für Recht und Unrecht. Nach diesem System ist Moral subjektiv; sie wechselt von einer Person zur anderen, von Ort zu Ort und Zeit zu Zeit.

Da es keine moralischen Maßstäbe gibt, bleibt es jedem selbst überlassen, so zu leben, wie er es für richtig hält. Heute sagt man dazu: "Leben und leben lassen," Wir müssen offen sein für andere Überzeugungen und einen anderen Lebensstil.

Der Relativismus lehrt, da es keine moralisch absoluten Werte gebe, könne man auch nicht zu Recht moralische Urteile abgeben oder Handlungsweisen und Überzeugungen als moralisch richtig oder falsch bewerten. Nach dieser Sichtweise wird jeder, der aufzeigen will, dass es einen richtigen und falschen Weg gibt, als "dogmatisch" oder "intolerant" betrachtet. Diese relativistische Lehre des "Urteile nicht über mich!" ist widersprüchlich, sich selbst widerlegend und unbiblisch. Sie macht nur dann Sinn, wenn es keine objektiven moralischen Absolutheitswerte gibt.

1. Widersprüchlich und sich selbst widerlegend

Ich möchte die Widersprüchlichkeit und Absurdität der "Urteile nicht über mich" - Philosophie anhand eines Gesprächs mit einer Freundin veranschaulichen, die ich Mary nenne. Sie rühmte sich, eine progressive und tolerante adventistische Gelehrte zu sein, bis wir anfingen, die Frage der Homosexualität zu erörtern.

"Ich habe kein Problem mit dir, wenn du deine Ansicht über Homosexualität zum Ausdruck bringst und verteidigst," sagte sie. "Aber es wäre total verkehrt, ein Urteil darüber zu fällen."

"Was ist daran verkehrt?" fragte ich, um das Gespräch dahin zu lenken, dass ich ihr aufzeigen konnte, wie sich ihre relativistische Ethik selbst widerlegt.

"Es ist nicht richtig, andere Leute zu richten; das kann nur Gott," sagte sie.

Ich erwiderte: "Wenn es verkehrt ist, andere zu richten, Mary, warum richtest du mich dann? Bist du Gott?"

Die Frage frappierte sie total. Sie offenbarte die Widersprüchlichkeit der "Urteile nicht über mich" - Philosophie. Einerseits verleugnet sie jede moralische Absolutheit; andererseits will sie ihre eigenen Absolutheitswerte proklamieren und sie mir aufzwingen. Die Aussage: "Es ist nicht recht, andere zu richten" ist an sich ein moralisches Urteil - dieselbe Art von Urteil, die meine Freundin mir verweigern wollte. Meine Antwort brachte sie einen Augenblick lang aus dem Gleichgewicht. Als sie ihre Beherrschung wiedererlangte, versuchte sie es mit einer anderen Methode.

"Vielleicht habe ich mich nicht richtig ausgedrückt," sagte sie. "Es ist in Ordnung, andere zu bewerten - solange du ihnen nicht deine Moralvorstellung aufnötigst."

"Ist das also deine Moralvorstellung, Mary?" "Ja."

"Warum nötigst du dann deine Moralvorstellung mir auf?" entgegnete ich.

Erneut machte meiner Freundin die Widersprüchlichkeit ihrer relativistischen Lehre zu schaffen. In einer letzten, verzweifelten Anstrengung sagte sie:

"Hör zu, Sam, ich kann es nicht gut genug ausdrücken, aber ich bin sicher, du weißt was ich meine." "Nein, Mary, ich weiß nicht, was du meinst. Du kannst es nicht richtig ausdrücken, weil deine relativistische Ethik keinen Sinn macht. Sie widerspricht sich selbst, und sie widerlegt sich selbst. Du hast gemeint, es sei nicht recht von mir, ein moralisches Urteil über die Homosexualität zu fällen, aber in deinem eigenen Vorgehen gegen meine Haltung liegt ein moralisches Urteil - genau das, wogegen du kämpfst. Die Wahrheit ist, dass es moralische Absolutheitswerte gibt - allgemein gültige Grundsätze über Recht und Unrecht - anhand deren wir Urteile abgeben können. Aber du bist eine Relativistin und solltest daher nicht behaupten, dass meine Beurteilungen falsch sind."

Ich gebe dieses Gespräch wider, um zu zeigen, dass die "Urteile nicht über mich" - Lehre und die relativistische Philosophie, auf der sie aufbaut, nicht logisch sind. Wenn jemand zu dir sagt: "Urteile nicht über mich," dann frage ihn: "Warum nicht?" Du wirst herausfinden, dass er keinen vernünftigen Grund angeben kann, weil diese Lehre widersprüchlich ist und sich selbst widerlegt. Und nicht nur das: Sie ist auch unbiblisch.

2. Eine biblisch fragwürdige Lehre

Die Aussage Jesu in Matthäus 7,1 ist zwar der Schlüsseltext für die ToleranzBotschaft, aber der Abschnitt lehrt nicht, dass es falsch ist, zu richten.
Zunächst einmal folgendes: Jesus sagt: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet." Das ursprüngliche Wort, das hier mit "richten" wiedergegeben wird, ist krino. Dieses Wörtchen wird im Neuen Testament auf verschiedene Weise verwendet. Es kann bedeuten:

a. Sorgfältig abwägen und sich eine Meinung bilden, wie in 1. Korinther 10,15: "Ich rede doch zu verständigen Menschen; beurteilt ihr, was ich sage" oder in 1. Korinther 11, 13: "Urteilt bei euch selbst, ob es sich ziemt, dass eine Frau unbedeckt vor Gott betet."
b. Einen Schluss ziehen, wie in Lukas 7,43: "Du (Simon, den Jesus gefragt hatte: ,Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?') hast recht geurteilt."
c. Jemanden in einer bestimmten Weise ansehen oder einschätzen; z. B. "Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube" (Apostelgeschichte 16,15), d.h. "Wenn ihr mich so anseht oder einschätzt."
d. Zum Verhör vor ein Gericht bringen, wie in Johannes 18,31: "So nehmt ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetz."
e. Verurteilen, wie in Johannes 7,51: "Richtet denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört ... hat?"
f. Verachten, wie in Röm. 14,3: "Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst."

Die obigen Beispiele zeigen, dass die Grundbedeutung von krino ein Urteil fällen ist. Jedoch entscheidet jeweils der Zusammenhang über die genaue Bedeutung und die Richtigkeit oder Verkehrtheit des Urteilens. Wenn Jesus zum Beispiel in Johannes 7,24 sagt: "Richtet nicht nach dem, was vor Augen ist, sondern richtet gerecht," erfahren wir aus dem Zusammenhang, wie man richten soll, nämlich nicht nach dem, was vor Augen ist, sondern gerecht.

Auch die Aussage. des Apostels Paulus in Römer 14,3-4: "Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, richte den nicht, der isst: denn Gott hat ihn angenommen. Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest?" deutet darauf hin, dass er die dreiste Art über die Beweggründe eines anderen zu richten verurteilt, wo doch die Beweggründe nur vor Gott offenbar sind. Um also zu entscheiden, was Jesus meinte, wenn er in Matthäus 7,1 sagte: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet," muss man sich den Zusammenhang des Abschnitts ansehen. In diesem Fall sind es die folgenden fünf Verse in Matthäus 7,1-5:

  1. Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.
  2. Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit weichem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.
  3. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?
  4. Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen?, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge.
  5. Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.

Beachte, dass Vers 1 untrennbar mit den nächsten 4 Versen verbunden ist: Das erste Wort in Vers 2 "denn" (Lutherbibel 1987, Elberfelder Bibel) weist darauf hin, dass der Inhalt von Vers 2 eine Fortsetzung des Themas vom Richten in Vers 1 ist, während das "Und" am Anfang von Vers 3 (nicht in deutschen Bibeln vorhanden) und das "Oder" am Anfang von Vers 4 dasselbe andeuten. Vers 5 ist die Anwendung des Ganzen aus dem Munde Jesu. Eine weitere Verbindung, welche die fünf Verse miteinander verbindet, ist die dreifache Erwähnung "dein Bruder" in den Versen 3, 4 und 5. Hier beschreibt Jesus die Lage des Bruders und die Lage dessen, der ihn richten will ("du").

Matthäus 7, 1-5 offenbart folgende Tatsachen über die Bedeutung des Ausspruchs Jesu: "Richtet nicht":

  1. Jesus macht nicht Schluss mit dem Fällen von Urteilen; er spricht sich gegen das Richten anderer in heuchlerischer Weise aus. Das humoristische Wortspiel im Blick auf einen Menschen, der einen Balken in seinem Auge hat und einen Splitter aus dem Auge eines anderen entfernen will, soll diesen Gedanken veranschaulichen. Jesus sagt: Wenn wir große Probleme in unserem eigenen Leben haben, brauchen wir gar nicht in arroganter Weise Menschen zu kritisieren, deren Probleme bei weitem weniger ernst sind.
  2. Jesus sagt nicht, dass wir nie andere beurteilen sollen; sondern wir müssen sie beurteilen - nachdem wir uns selbst geprüft haben. Beachte Vers 5: "Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst." Haben wir erst einmal das Brett aus unserem eigenen Auge entfernt, dann - und nur dann - können wir uns darum kümmern, das Sägemehl aus dem Auge eines anderen zu entfernen. Wir sollen also nicht so schnell mit einem Urteil bei der Hand sein. Die Verkläger der Frau, die im Ehebruch ertappt wurde, sind ein anschauliches Beispiel dafür (Johannes 9,1-11).
  3. Jesus sagt nicht, dass wir überhaupt nicht urteilen dürfen, weil wir Sünder sind; sondern wir müssen es besonders dann tun, wenn die Lage Anderer ernster ist als unsere eigene. Zu beachten ist ferner, dass Jesus nicht sagt: Wenn wir Sägemehl in unseren Augen haben, brauchen wir uns nicht darum zu kümmern, anderen mit einem Brett in den Augen zu helfen. Wenn nur Sägemehl unser Problem ist, müssen wir unter allen Umständen denen helfen, von denen wir meinen, dass sie größere Probleme haben!

3. Was bedeutet "Richtet nicht" wirklich?

Wie sich herausstellt, besagt der Schlüsseltext für die "Richte mich nicht " Toleranz-Botschaft in Matthäus 7,1 nicht, dass alles Richten aufhören muss. Er besagt nicht, dass keine Urteile in der Gemeinde gefällt werden sollen, wenn sich Situationen ergeben, die Korrigierende Seelsorge erforderlich machen.

Wenn Brüder oder Schwestern irren, indem sie Überzeugungen und Verhaltensweisen an den Tag legen, die mit Gottes Reich unvereinbar sind, fällen wir ein Urteil und sollen es auch tun. Mit seiner Äußerung über das Fällen von Urteilen über Andere will Jesus darauf hinaus, dass wir darauf achten müssen, wie wir es tun. Jedenfalls gibt Jesus den Hinweis, dass wir richten sollen. Einerlei, ob das Problem ein Brett ist oder Sägemehl: Wir müssen unseren Brüdern und Schwestern, die in Schwierigkeiten sind, helfen. Aber wir müssen es in angemessener Weise tun.

Der Herr Jesus wendet sich gegen unsere Heuchelei. Wir sollen nicht schnell dabei sein, kleine Fehler von anderen aufzudecken, während wir über unsere schwereren Sünden unbekümmert bleiben. Wenn wir aber Andere in heuchlerischer Weise richten - das will Jesus uns hier sagen - dann werden wir von einem Gott gerichtet, der sieht, was wir insgeheim tun.

Paulus betont das gleiche Anliegen: "Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der du richtest. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasseibe tust, was du richtest." (Römer 2,1) Jeder, der bei anderen etwas rügt, was er sich selber gestattet, hat keine Entschuldigung und verdammt sich selbst. Das ist die Botschaft, die Nathan David überbrachte (2.Samuel 12, 1-11). Im Grunde genommen lehrt Jesus auf dem Berg der Seligpreisungen Demut und Nachsicht in unserem Verhältnis zu allen, die irren. Das war auch die Lektion, die er im Gleichnis vom Unkraut und Weizen erteilte.

Nachsicht statt Toleranz-Botschaft

Im Gegensatz zu dem, was die Toleranz-Botschaft besagt, rechtfertigt das Gleichnis Jesu vom Unkraut unter dem Weizen in Matthäus 13,24-30 nicht die relativistische Lehre "Urteile nicht über mich". Die Aussage Jesu in Vers 30: "Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte" stützt nicht die Behauptung, dass die Gemeinde kein Recht hat, jemanden zu beurteilen oder seine falschen Überzeugungen und sein Fehlverhalten zu verurteilen. Vielmehr ruft das Gleichnis zu extremer Vorsicht auf, wenn man darangeht, Menschen zurechtzuweisen - damit wir nicht in unserer Eile schwere Fehler begehen.

1. Urteile nicht über Beweggründe!

Wir müssen uns davor hüten, Charakter und Beweggründe' von Menschen zu verurteilen. Wir tun gut daran, uns nicht anzumaßen - was nur Gott tun kann - das Herz der Menschen und ihre Motive zu ergründen. In Bilder vom Reiche Gottes mahnt Ellen White: "Gottes Mitarbeiter sehen nur ungern Gläubige und Scheingläubige in der Gemeinde nebeneinander. Sie würden die Gemeinde am liebsten reinigen. Wie die Knechte des Landbesitzers im Gleichnis wollen sie die ,schädlichen Pflanzen' ausreißen, Christus jedoch sagt ihnen mit Nachdruck: ,Nein! auf dass ihr nicht zugleich den Weizen mit ausraufet, wenn ihr das Unkraut ausjätet. Lasset beides miteinander wachsen bis zur Ernte.'" (Matthäus 13,39)

Christus hat zwar deutlich angeordnet, dass Menschen, die offen in Sünde beharren, aus der Gemeinde ausgeschlossen werden sollen, aber er hat uns nicht dazu. beauftragt, über das Wesen und die Beweggründe eines Gemeindegliedes zu Gericht zu sitzen. Er kennt unsere Natur viel zu gut, als dass er uns diese schwere Aufgabe anvertraut hätte. Wenn wir uns daranmachen würden, alle aus der Gemeinde auszuschließen, die wir für schlechte Christen halten, so begingen wir dabei sicherlich Fehler. Oft halten wir genau jene für hoffnungslose Fälle, die Christus gerade zu sich zieht. Sollten wir mit unserem unvollkommenen Urteilsvermögen über ihr Schicksal entscheiden, so würde vielleicht ihr letzter Hoffnungsschimmer zunichte gemacht. Viele, die sich selbst für vorzügliche Christen halten, werden einmal als zu leicht erfunden werden. Und auf der neuen Erde werden viele zu finden sein, von denen es ihre Mitmenschen nie für möglich gehalten hätten. Der Mensch urteilt nach dem, ,... was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an,' (1. Samuel 16,7) Unkraut und Weizen sollen bis zur Ernte gemeinsam wachsen - bis zum Ende der Bewährungszeit." (Bilder vom Reiche Gottes, S. 55)

Beachte die eindeutige Aussage von Ellen White: "Christus hat ... deutlich angeordnet, dass Menschen, die offen in Sünde beharren, aus der Gemeinde ausgeschlossen werden sollen," Um das tun zu können, müssen wir wissen, wie vorzugehen ist, wenn wir gesunde Beurteilungen mit geistlichem Unterscheidungsvermögen vornehmen wollen. Die Bibel fordert uns wiederholt dazu auf, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden (siehe Hebräer 5, 14).

In Maleachi 3,18 werden wir aufgerufen, zwischen dem Gerechten und dem Gottlosen zu unterscheiden, zwischen denen, die Gott dienen, und denen, die ihm nicht dienen. In Hesekiel 44,23 wird uns mitgeteilt: Wir sollen die Menschen lehren, zwischen dem, was heilig und weltlich und dem, was rein und unrein ist, zu unterscheiden. Der Apostel Johannes fordert uns auf, zwischen dem Geist der Wahrheit und dem Geist des Irrtums zu unterscheiden (siehe 1. Joh. 4,6).

Und Paulus drängt darauf, die Wahrheit hochzuhalten und Lügen abzulehnen (siehe Römer 1,25), denn keine Lüge kommt aus der Wahrheit (siehe 1. Johannes 2,21).

Doch trotz dieser überwältigenden Aussagen der Heiligen Schrift wollen uns jene, die gemäß der Toleranz-Botschaft sagen: "Urteile nicht über mich", beibringen keine Trennungslinien zwischen richtigen und falschen Ideen und Verhaltensweisen zu ziehen. Man soll niemanden diskriminieren und nicht versuchen, den Wert unterschiedlicher Überzeugungen und Verhaltensweisen zu bewerten.

Doch wie kann jemand gerettet werden, wenn er zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht keinen Unterschied macht? Das Versäumnis, diese Vollmacht zur Beurteilung anzuwenden, kann nicht nur geistlich fatale Folgen für uns haben, sondern könnte auch dazu führen, dass andere verloren gehen.

Darum fordert uns die Heilige Schrift auf, alles sorgfältig zu prüfen, an allem Guten festzuhalten und uns von jeder Art Übel fernzuhalten (siehe 1. Thess. 5, 21-22).

Damit ist klar: Im Gleichnis über den Weizen und das Unkraut sagt Jesus nicht aus, dass wir gar nicht richten sollen. Vielmehr müssen wir stets große Sorgfalt walten lassen, wenn wir Menschen zurechtweisen wollen. Das Gleichnis lehrt uns, dass wir um die Grenzen unserer menschlichen Urteilsfähigkeiten wissen müssen. Wir können das Herz und die Beweggründe anderer nicht kennen. Dies ist Gott vorbehalten. Nur er kann den Charakter und die Beweggründe richten. Wir müssen vorsichtig sein.

2. Sei nachsichtig!

Die Verfasserin des Buches Bilder vom Reiche Gottes verweist auf ein weiteres wichtiges Anliegen in diesem Gleichnis, das es zu beherzigen gilt - Nachsicht oder Geduld im Umgang mit Irrenden: "Das Gleichnis des Heilandes will uns aber noch etwas anderes vermitteln: seine wunderbare Geduld und mitfühlende Liebe. Wie sich die Wurzeln des Unkrauts und des Getreides ineinander verschlingen, so können auch die falschen Christen in der Gemeinde eng mit aufrichtigen Nachfolgern Christi verbunden sein. Würde man nun die Scheingläubigen, deren wahrer Charakter nicht klar zutage tritt, aus der Gemeinde ausschließen, so könnten dadurch andere zu Fall gebracht werden, die in diesen eine Stütze gesehen haben." ( Bilder vom Reiche Gottes, S. 55.56 )

Nur in diesem Zusammenhang, bei dem es um Nachsicht geht, fordert Ellen White dringend dazu auf, andere nicht zu verurteilen oder zu richten. "Der Erlöser möchte keine einzige Seele verloren gehen lassen. Seine Erfahrung mit Judas ist überliefert worden, um seine große Geduld mit der verdorbenen Natur der Menschen zu zeigen. Er fordert uns auf, die gleiche Nachsicht zu üben, denn wir wissen ja, dass es bis zum Ende der Zeiten falsche Christen geben wird. Trotz der Warnung Christi haben die Menschen immer wieder versucht, das Unkraut auszureißen ... Mit dem Gleichnis vom Unkraut im Weizen will Christus uns also sagen, dass wir andere Menschen weder richten noch verdammen, sondern in Demut unserer eigenen Urteilskraft misstrauen sollen." ( Bilder vom Reiche Gottes, S.56.57 )

Schlusswort

Natürlich kennen wir die Beweggründe derer nicht, die sich der Toleranz-Botschaft und seiner relativistischen Lehre zugewandt haben und sagen: "Urteile nicht über mich." Aber so viel ist sicher: Sowohl die Bibel als auch Ellen White lassen nicht den geringsten Zweifel daran, dass die Gemeinde verpflichtet ist, irrige Überzeugungen und Verhaltensweisen zurechtzuweisen. Es geht nicht um das Thema, dass man nicht richten dürfte. Es geht vielmehr darum, dass wir extreme Vorsicht walten lassen müssen, wenn wir über Glieder, die irrige Ansichten vertreten, urteilen bzw. sie zurechtweisen. Die folgende Aussage von Ellen White zeigt, welche Gesinnung wir haben müssen, wenn wir vor der Aufgabe stehen, diese heilige Pflicht wahrzunehmen:

"Im Umgang mit irrenden Gliedern sollen wir nicht zu harten Maßnahmen Zuflucht nehmen. Mit milden Mitteln erreichen wir viel mehr. Wende äußerst beharrlich die milderen Mittel an. Selbst wenn sie nicht zum Erfolg führen, warte geduldig; treibe nie die Sache voran, wenn es darum geht, ein Glied von der Gemeinde auszuschließen. Bete für den Betreffenden und warte ab, ob Gott das Herz des Irrenden nicht anrührt. Die Maßnahmen zur Zurechtweisung sind zum größten Teil verzerrt worden. Menschen, die selbst mit einem sehr fehlerhaften Charakter behaftet sind, haben in dreister Manier andere zurechtgewiesen. Dadurch ist jede Art der Zurechtweisung verachtet worden. Leidenschaft, Vorurteile und parteiisches Verhalten - es tut mir Leid, das zu sagen - konnten sich weiträumig ausdehnen, und die angebrachte Zurechtweisung ist seltsamerweise vernachlässigt worden. Hätten doch die Personen, die mit den Irrenden umgehen, ein Herz voller Freundlichkeit gehabt! Welch ein anderer Geist würde in unseren Gemeinden herrschen. Möge der Herr die Augen derer öffnen und ihre Herzen erweichen, die Strenge walten lassen, nicht vergeben können und eine unerbittliche Gesinnung denen gegenüber an den Tag legen, die sie im Irrtum glauben. Solche Menschen bereiten Gott Schande. Sie bereiten seinen Kindern Kummer und zwingen sie, in ihrer Not zu Gott zu rufen. Der Herr wird ganz gewiss ihr Rufen hören und darüber richten." ( Review and Herald vom 14. Mai 1895 )

Samuel Koranteng-Pipim
Leiter von Public Campus Ministries Michigan Conference Verfasser von Patience in The Midst of Trials and Afflictions

Aus der Zeitschrift "AD - STANDPUNKTE" (7. Ausgabe 1 / 2006)

Herausgeber:
amazing discoveries e.V.
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Deutschland

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