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Wer sind die Übrigen?

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Neue Interpretationen für die Bedeutung der Übrigen werden immer wieder veröffentlicht. Was sagt die Bibel dazu?

(Bemerkung des Herausgebers: Wir drucken hier eine verkürzte Fassung eines ursprünglich 47 Seiten umfassenden Artikels ab, der die Frage des adventistischen Selbstverständnisses eingehend untersucht und das Thema der Übrigen durch die ganze Bibel hindurch erforscht. Die Schlussfolgerungen spiegeln die Ergebnisse der umfassenderen Studie wider.)

Adventisten haben im allgemeinen einen klaren Sinn für Identität, ein stark entwickeltes Selbstverständnis davon, dass sie die Übrigen des Volkes Gottes sind. Dieses Konzept, welches die Adventbewegung als die letzten der Übrigen in der Geschichte versteht, wurde gerade in letzter Zeit in den Adventgemeinden der "ersten Welt", also in Nordamerika, Westeuropa und Australien stark in Zweifel gezogen. Nicht wenige Adventisten wollen es heute neu interpretieren oder anders definieren, einige wenige lehnen es sogar vollkommen ab.

Die neuen Ansichten, die unter uns diskutiert werden, enthalten u.a. die folgenden Varianten:

  1. Die Übrigen sind nicht eine sichtbare, gegenwärtig schon existierende Realität, sondern werden erst in der Zukunft in Erscheinung treten. Wenn einmal die wahren Gläubigen aus allen christlichen Kirchen herausgerufen werden, wobei die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten lediglich eine Kirche unter vielen anderen darstellt, dann werden sie sich als die "letzten der Übrigen" zusammenfinden.
  2. Die Übrigen sind Gottes "unsichtbare Gemeinde", bestehend aus allen wahren Gläubigen, die in allen christlichen Kirchen und darüber hinaus auch in anderen Religionen zu finden sind.
  3. Die Übrigen waren auf die Urkirche in den Tagen der Apostel beschränkt. Am Ende der Zeit gibt es keine Übrigen.
  4. Es gibt nur die Übrigen unter den Übrigen. Innerhalb der größeren Zahl von Gläubigen in der Adventgemeinde gibt es noch Übrige, die das wahre Volk Gottes darstellen.

Gründe für unser Dasein

Wenn unser Verständnis dessen, wer wir sind, wo unsere Wurzeln liegen und ob wir nicht demnächst in einer künftigen Einheitskirche aufgehen werden, nicht ganz eindeutig definiert ist, dann kommen natürlich Zweifel daran auf, warum Gott uns überhaupt hervorgebracht hat und weshalb wir getrennt bleiben sollten. Etwa nur, um an der Vorstellung festzuhalten, dass die Adventbewegung die Aufgabe hat, die Erlösung aus Gnade zu verkündigen? Sofern wir kein prophetisches Fundament besitzen, wenn wir nicht mehr glauben, dass wir die Übrigen der Endzeit sind, warum sollten wir uns dann nicht mit andern Christen zusammenschließen und den verschiedenen ökumenischen Gruppierungen beitreten?

Sind wir aber die Übrigen, dann kann unsere Botschaft niemals ein bloßes Duplikat oder eine Wiederauflage der Botschaft anderer gegenwärtiger oder vergangener Kirchen oder Bewegungen sein. Beispielsweise dürfen wir dann keine Anleihen bei der charismatischen Bewegung machen, sie nachahmen oder bestimmte Stilelemente von ihr einfach übernehmen. Wir müssen dann die letzten der Übrigen Gottes bleiben, sein einzigartiger Schatz, bereit, uns auch unter Opfern in die Aufgabe einzubringen, zu der uns der Herr gerufen hat, nämlich das "ewige Evangelium" mit Kraft und Überzeugung aller Welt zu bringen.

Die uns vorliegende Frage lautet also: Gibt es die Übrigen? Wenn ja, wer sind sie? Woran kann man. sie erkennen? Welches sind ihre Charakteristiken? Dies sind solch grundlegende Fragen, dass wir dazu wieder zur Schrift zurückkehren müssen, um gründlich zu untersuchen, was sie dazu zu sagen hat, besonders in den Büchern Daniel und Offenbarung.

1. Die Übrigen im Buch Daniel

Das Thema der Übrigen hat im Buch Daniel viele Facetten. Jede einzelne erfordert genaues Hinsehen.

Daniel 1 - Lebensstilfragen

Daniel und seine drei Freunde waren sicherlich unter den treuen Übrigen, welche die Katastrophe der Einnahme Jerusalems überlebten. (Dan. 1,1-3)

Der Glaube und die Treue Daniels und seiner Freunde wurden in der Frage des Essens hart geprüft. In Daniel, Kapitel 1, steht die Krise des Lebensstils im Vordergrund. Daniel "setzte sich vor in seinem Herzen", dass er sich mit des Königs Speise nicht verunreinigen wollte (Dan. 1,8). Diese Übrigen blieben in ihrem Lebensstil Gott treu. Sie machten keine Kompromisse. Die Frage der Ernährung betraf in Daniels Tagen:

  1. Das Problem mit der reinen Speise, wie sie in 3. Mose 11 und 1. Mose 7 gefordert wird.
  2. Das Problem mit Speisen, die den Götzen geopfert waren und deren Genuss eine Verbindung mit den heidnischen Göttern, denen sie geweiht waren, bedeutet hätte.
  3. Einfachheit in der Ernährung.

Die Prüfung ihres Lebensstils wurde für die Hebräer zu einer Prüfung ihrer Treue entweder zu Gott oder zum König. Es wurde auch eine Frage, die über Leben und Tod entschied, sowohl körperlich, als auch geistlich.

Daniel 2 - Die prophetische Enthüllung

Der Traum des Königs Nebukadnezar mit dem großen Monarchienbild ist wohl allen, die das Buch Daniel studiert haben, wohl vertraut. Der König hatte den Traum vergessen, er forderte daher von allen Weisen, ihm den Traum und die Deutung zu offenbaren. Da die chaldäischen Astrologen den Traum nicht enthüllen konnten, erging ein Hinrichtungsbefehl über alle, einschließlich Daniel und seine Freunde. Als Antwort auf ihre ernsten Gebete offenbarte jedoch Gott in dieser Notzeit den Traum und seine Bedeutung (Verse 19.22.28). Auf diese Weise griff Gott selbst ein und rettete das Leben seiner treuen Übrigen und durch sie auch die "anderen Weisen in Babylon" (Vers 1 8) vor der sicheren Hinrichtung.

Das Bild ist hier unmissverständlich: Die "treuen Übrigen" - Daniel und seine Freunde - wurden durch göttliches Eingreifen in einer Zeit besonderer Not bewahrt. Auch wurden diese treuen Übrigen die Empfänger göttlicher Offenbarungen. "Da ward Daniel solch verborgenes Ding durch ein Gesicht des Nachts offenbart." (Vers 19)

Daniel 3 - Anbetung

Das Problem auf der Ebene Dura betraf nicht Lebensstilfragen, sondern die Anbetung. Alle Regierungsbeamten waren dazu aufgerufen, den Treueeid zu einem heidnischen König und seinen heidnischen Göttern abzulegen. Alle sollten "niederfallen und Nebukadnezars goldenes Bild anbeten" (Vers 5) Wer es ablehnte, sollte augenblicklich im glühenden Ofen verbrannt werden.

Diese ganze Szene ist eine Vorwegnahme jener endzeitlichen Prüfung, in welcher die Übrigen gezwungen werden sollen, das "Bild des Tieres anzubeten". Worauf "alle, welche nicht des Tieres Bild anbeteten, getötet würden." (Offb. 13,15)

Die drei getreuen Übrigen beugten sich nicht. Nachdem sie öffentlich bekannt hatten, dass es ein höheres Gebot gäbe, dem sie gehorchen müssten, wurden sie in den überheizten Ofen geworfen. (Dan. 3,16­18.19-23)

Aber sie waren dort nicht verlassen. An der Seite dieser getreuen Übrigen stand im glühenden Ofen der, der nicht nur das Feuer, sondern die gesamte Schöpfung beherrscht. Voller Bestürzung erkannte Nebukadnezar, dass ein vierter, eine göttliche Gestalt, bei ihnen in den Flammen war.
Der König rief sie wieder heraus. Die Übrigen waren unverletzt. Gott hatte in dieser Notlage eingegriffen, um zu demonstrieren, dass er auch in der letzten Zeit der Trübsal zugunsten seiner getreuen Übrigen eingreifen wird.

Daniel 6 - noch einmal: Anbetung

Die Prüfung, die Daniel in den Löwengraben brachte, war erneut die Frage der rechten Anbetung gegenüber der falschen Anbetung. Daniel wurde den hungrigen Löwen vorgeworfen, weil er seiner Anbetungspraxis treu blieb. Und Gott offenbarte sich erneut als Heiland der Übrigen. Ob die Übrigen nun ihren Test in kleinen Gruppen (Dan. 3) oder allein (Dan. 6) zu bestehen haben, Gott verlässt sie nie. Er wird auch seine Übrigen, am Ende der Zeit, genau so wunderbar beschirmen, wie er Daniel und seine Freunde bewahrte.

Daniel 7 und 12 - Visionen

Die Kapitel Daniel 7 und 12 entwickeln die Idee der Übrigen im Zusammenhang mit apokalyptischen Visionen.

In Daniel 7 sind "die Heiligen des Höchsten" (Vers 25) ein treuer Überrest. Für die Dauer von dreieinhalb Zeiten oder 1260 buchstäblichen Jahren, erleiden sie von der Macht des "kleinen Horns" Verfolgung. Sie werden in seine Hand gegeben (7,25) und zerstreut (12,7). Aus diesem Grunde bleibt am Ende der 1260 Jahre, nämlich im Jahr 1798, auch nur ein spärlicher Rest übrig.

Die "Heiligen des Höchsten" erfahren den Höhepunkt dieser Zeitperiode, wenn sie nach dem Vorwiederkunftsgericht (Dan. 7,9.10.13-14.22.25-27), in dem die Heiligen gerechtfertigt werden (Vers 22), das ewige Reich durch den Menschensohn empfangen (7,14.18.27.). Aber nur diejenigen erben das ewige Reich, die im Buch des Lebens geschrieben sind (12,1).

Die Übrigen des Glaubens bestehen aus denen, die Gott die Treue halten. Die endzeitlichen Übrigen des Glaubens und die gerechten Toten, die bei der Auferstehung auferweckt werden, werden gemeinsam das Reich Gottes erben (12,1-3).

2. Die Übrigen im Buch der Offenbarung

Ebenso wie das Buch Daniel zollt auch die Offenbarung dem Thema der Übrigen besondere Aufmerksamkeit. Die erste Erwähnung der Übrigen findet sich in den Briefen an die sieben Gemeinden.

Thyatira

Der "Sohn Gottes" (Offb.2,18) verurteilt und verdammt die Gemeinde zu Thyatira, weil sie "nicht Buße tut" für ihre Hurerei (Offb.2,21), das bedeutet für ihren Abfall.

Jedoch gibt es noch übrige in Thyatira, an die sich die Offenbarung in Kapitel 2,24-25 wendet: "Euch aber sage ich, den andern [oder Übrigen, Griech.loipois], die zu Thyatira sind, die nicht haben solche Lehre und die nicht erkannt haben die Tiefen des Satans (wie sie sagen): Ich will nicht auf euch werfen eine andere Last: Doch was ihr habt, das haltet, bis dass ich komme."

Dieser Abschnitt trifft eine erstaunliche Feststellung: Die Gemeinde Thyatira ist abgefallen. Sie hat den apostolischen Glauben verlassen und in offenem Aufruhr dem großen Abfall zugestimmt, der unter dem Namen Isebel gekennzeichnet wird. Jedoch war noch nicht alles für den wahren Christusglauben in Thyatira verloren. Denn der "Sohn Gottes" sprach zu den "andern", zu den Übrigen, die in Thyatira sind.

Diese "andern" (Luther), oder "Übrigen" (Elberfelder, Schlachter u.a.) sind vom griechischen Text her wahrhaftig die Übrigen, denn sie werden mit dem gleichen Ausdruck bezeichnet, der auch in Offenbarung 12,17 und 11,13 gebraucht wird. Die Bezeichnung "andere" (bei Luther u.a.) ist daher unrichtig. Was offenbart diese Textstelle über die Übrigen?

  1. In einer Zeit, in der die Kirche im großen und ganzen abgefallen ist und falschen Lehren und Irrtümern folgte, bleibt ein Rest von treuen Gläubigen übrig.
  2. Diese Übrigen lehnen es ab, das anzunehmen, was einige "die Tiefen des Satan" nennen (Offb.2,24); sie bewahren den echten Glauben.
  3. Die Übrigen werden vom Sohn Gottes ermahnt festzuhalten, was sie haben (Offb. 2,25). Festhalten meint also nicht sich neu definieren lassen aufgrund sozio-kultureller Beobachtungen.

Anstatt sich dem Zeitgeist und der Kultur anzupassen, klammern sich die Übrigen an den echten biblischen Glauben, in den sie immer tiefere Einsichten gewinnen, und halten an dem fest, was sie von Jesus Christus erhalten haben. Thyatira stellt eine Epoche in der Kirchengeschichte dar, deren Beginn man gewöhnlich mit dem Jahr 538 n.Chr. ansetzt und die Periode päpstlichen Wachstums und früher Alleinherrschaft umfasst. Entsprechend bezieht sich die Erfahrung von Thyatira auf die Kirche zur Zeit der dunklen Jahrhunderte des Mittelalters.

Festhalten meint also nicht sich neu definieren lassen aufgrund sozio- kultureller Beobachtungen.

Die "Übrigen" bestanden in der Epoche von Thyatira aus all jenen Menschen und Bewegungen, die versuchten, dem biblischen Glauben, so wie sie ihn erkannt hatten, treu zu bleiben. Wir könnten solche Gruppen wie die Waldenser, die Hussiten, die Wycliffiten und die Böhmischen Brüder aufzählen, die alle Teile der Erweckung wa­ren, die wir die "erste Reformation" nen­nen. (Die später stattfindende Reformation Martin Luthers und anderer Reformatoren im 16. Jahrhundert wird folglich als die "zweite Reformation" bezeichnet)

Wiewohl keine dieser Gruppen von Übrigen die biblische Wahrheit in dem vollen Ausmaß besaß, wie sie dann in der Reformation des 16. Jahrhunderts offenbar geworden war, lautet der Rat in Offb. 2,25: "Halte, was du hast..." Damit wird deutlich, dass von diesen Übrigen nicht mehr erwartet wurde, als dem Licht treu zu bleiben, das sie schon erhalten hatten.

Sardes

Auch in Sardes gab es Übrige. Offb 3,4 macht dies offenkundig. "Aber du hast etliche Namen zu Sardes, die nicht ihre Kleider besudelt haben; und sie werden mit mir wandeln in weißen Kleidern, denn sie sind's wert." Diese würdigen Übrigen haben ihre Kleider nicht besudelt mit moralischem, ethischem oder lehrmäßigem Abfall. Sie haben es abgelehnt, Kompromisse zu schließen. Sie werden mit Jesus in weißen Kleidern wandeln, denn sie haben ihre Kleider gewaschen im Blut des Lammes und seine Gerechtigkeit empfangen. Sie blieben unbefleckt und rein.

Sardes stellt jene Zeit in der Kirchengeschichte dar, die mit der Reformation des 16. Jahrhunderts beginnt und bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts reicht. In dieser Zeit kamen Einflüsse auf, die das neu entdeckte Evangelium radikal veränderten. Das Ergebnis war eine neue protestantische Scholastik, mit einem Lehrsystem , dem man zwar rein verstandesgemäß zustimmen konnte, ohne jedoch bekehrt zu sein. Die praktische Auswirkung von Glauben und Religion auf das tägliche Leben war nahezu unbedeutend geworden.

Im 16. und 17. Jahrhundert wuchs der Einfluss des Rationalismus mit seinen gegen alles übernatürliche gerichteten Voraussetzungen. Er führte zur Entwicklung der historischkritischen Forschungsmethode, die noch immer für die Bibelauslegung Anwendung findet und verheerende Ergebnisse in Glaube und Leben hervorgebracht hat. Die Autorität der Bibel als Wort Gottes geriet in Verruf. [Bem. des Herausgebers:Weitere Informationen zu diesem Thema unter "Gerhard F. Hasel, Biblical Interpretation Today (Washington, D.C.: Biblical Research Institute of the General Conference, 1985)]
Dieser und andere große Trends (wie z.B. der Deismus) in der Geschichte der Kirche, ließen Sardes von dem Glauben abweichen, den die Reformatoren gewonnen hatten. Dennoch gab es "etliche Namen" zu Sardes, einige wenige Gruppen von Übriggebliebenen, die den wahren Glauben weitertrugen ohne ihre Kleider besudelt zu haben. Sie waren die Übrigen des Glaubens während dieser Epoche.

Offenbarung 12,17

Der Schlüsseltext zu den Übrigen im Buch der Offenbarung ist Offb 12,17: "Und der Drache ward zornig über das Weib und ging hin zu streiten mit den übrigen von ihrem Samen, die da Gottes Gebote halten und haben das Zeugnis Jesu Christi."

Was bedeutet "das Weib" und "die Übrigen von ihrem Samen" und welches sind die Merkmale derer, "die Gottes Gebote halten und haben das Zeugnis Jesu"?

Die Identität des Weibes

Die erste Frage über die Identität der Frau kann leicht beantwortet werden. In den Versen 1 bis 4 erscheint die Frau, zuerst schwanger, dann gebiert sie Christus, der "ward entrückt zu Gott und seinem Stuhl." (Vers 5). Dies bezieht sich auf seine Himmelfahrt und seine Einsetzung als himmlischer Hohepriester. (Vgl. Heb. 8,1­3;10,12). Danach floh das Weib in die Wüste, wo es 1260 Tage ernährt wurde(Vers 6). Zumindest jetzt steht die Identität der Frau eindeutig fest: Sie stellt die wahre Gemeinde dar, fortbestehend von Anfang an im Volk Gottes.
Die Frau wird vom Drachen (Vers9) "eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit" verfolgt (Vers14). Wenn wir diese Zeitspanne mit ähnlichen Perioden (3 Zeiten, 42 Monate)in der Offenbarung (Kapitel 11-13) und im Buch Daniel (7,25) in Verbindung bringen, finden wir heraus, dass sich dieser Abschnitt von 538 n.Chr. bis 1798 erstreckt. Satan versuchte über diese langen Jahrhunderte hinweg, die bis in die Zeit des Endes führen, die wahre Kirche zu vernichten.

Die Identität der Übrigen

Nun sind wir in der Lage zu erkennen, wer die "übrigen von ihrem Samen" sind: Der erste Teil von Offb 12,17 lautet: "Und der Drache [Satan] ward zornig über das Weib [die wahre Gemeinde] und ging hin zu streiten mit den Übrigen von ihrem Samen...".

Diese Übrigen haben zwei besondere Merkmale: Sie "halten die Gebote Gottes" und "haben das Zeugnis Jesu."

Der Drache streitet also mit den Übrigen von dem Samen der Frau. Wenn die Frau die wahre Gemeinde in der Zeit der 1260 Jahre andauernden Verfolgung bis 1798 darstellt, dann ist der Same der Frau, ihre Nachkommenschaft oder ihre Kinder ebenfalls ein Bild für die wahre Kirche. Der Ausdruck Same (griechisch: Sperma) wird im Neuen Testament häufig für Nachkommen oder Sprösslinge benutzt (siehe Joh. 7,42; 8,33.37; Röm. 4,13.16.18; 9,7; 11,1; Gal. 3,29;usw). Der Same der Frau besteht also aus den Nachkommen jener zwischen 538 und 1798 verfolgten Kirche. Der Same, das sind die Treuen, eine Fortsetzung der wahren Kirche. Die Übrigen vom Samen der Frau beziehen sich somit auf die letzte Gruppe jener Getreuen. In der Abfolge der Ereignisse in Offenbarung 12 sind diese "letzten Übrigen" (SDA Bible Commentary 7:815) der endzeitliche Rest jener langen Reihe von Menschen, die Gott treu und gehorsam waren.

Es ist von daher nur logisch schlusszufolgern, dass die "Übrigen von ihrem Samen" die letzten im Fluss der Zeit sind, jene endzeitlichen Gläubigen, die unmittelbar vor der glorreichen Wiederkunft Christi leben.

Die Charakteristiken der Übrigen

Diese Übrigen haben zwei besondere Merkmale:

  • Sie "halten die Gebote Gottes" und
  • sie "haben das Zeugnis Jesu."

1. Das Halten der Gebote Gottes

Die Übrigen der Endzeit halten die Gebote Gottes. Offb 12,17 teilt uns also mit, dass es einerseits nur ein Rest sein wird, welcher die Gebote Gottes in der Endzeit halten wird, dass aber andererseits die Übrigen der Endzeit gerade daran zu erkennen sind, dass sie die Gebote Gottes halten. Diese Gebote haltenden Übrigen stellen eine sichtbare Schar dar.

Schon die Tatsache an sich, dass sie den Geboten gehorsam sind, zeigt einen ethischen Lebensstil an, der auch äußerlich sichtbar ist.

Das Halten der Gebote ist ja keine gefühlsmäßige Erfahrung, sondern der gehorsame Wandel eines Gläubigen. Im Glauben Gottes Gebote zu halten, meint daher, ein Leben des Glaubens zu führen. Es meint eine lebendige Beziehung mit dem Geber dieser Lebensweise zu pflegen. Denn die Gebote sind für die gläubigen Übrigen die Lebensweise.

2. Das Zeugnis Jesu haben

Das zweite Merkmal der Übrigen in der Endzeit ist, dass sie "das Zeugnis Jesu haben".

Die Revised Standard Version(RSV, engI.) gibt diesen Ausdruck wieder mit "sie geben Zeugnis für Jesus", die New Revised Standard Version (NRSV, engI.) schreibt "sie halten fest am Zeugnis Jesu", eine andere Übersetzung (JB) sagt hier "sie tragen das Zeugnis für Jesus" und die New English Bible (NEB, engI.) textet "sie erhalten ihr Zeugnis Jesus gegenüber aufrecht". Und so weiter.

[Anm. d. Übersetzers: Auch im Deutschen geben verschiedene Bibelübersetzungen die Textstelle unterschiedlich wieder: z.B. "...die... am Zeugnis Jesu festhalten." (Jerusalemer Bibel), "...die... sich zu Jesus bekennen" (Hoffnung für alle), "...die... bekennen, dass sie zu Christus gehören" (Neues Leben), "...die ... festhalten am Zeugnis Jesu Christi" (NT von Dr. Josef Kürzinger) , "...die ... das Jesuszeugnis treu bewahren" (Albrecht)].Die allermeisten und zuverlässigsten Bibeln aber übersetzen fast Wort für Wort: "...die ... das Zeugnis Jesu haben." Der griechische Satz lautet "kai echonton ton martyrian lesou", was wörtlich übersetzt heißt "und habend das Zeugnis Jesu". Das Wort echonton ist ein Partizip Präsens und bedeutet weder bewahren, noch bekennen oder etwas ähnliches, sondern ganz einfach haben im Sinne von besitzen. Die Übrigen haben oder besitzen das Zeugnis Jesu. Diese Wortwahl zwingt allerdings dazu, an eine fortwährende Erfahrung zu denken. Zweimal finden wir in Offb 19,10 die gleichen beiden Worte, die auch schon in Kap 12,17 stehen, "das Zeugnis Jesu", wobei einmal nur das Verbum "haben" dazugesetzt ist.

Da es im ganzen Neuen Testament keine andere Stelle gibt, die den Ausdruck "und haben das Zeugnis Jesu" identisch wiederholt, sind Offb 19,10 und 12,17 auf einzigartige Weise miteinander verknüpft. Offb 19,10 aber liefert eine Definition für dieses "Zeugnis Jesu" in Offb 12,17: "Und ich fiel vor ihn zu seinen Füßen, ihn anzubeten. Und er sprach zu mir: Siehe zu, tu es nicht! Ich bin dein Mitknecht und deiner Brüder, die das Zeugnis Jesu haben. Bete Gott an! (Das Zeugnis Jesu aber ist der Geist der Weissagung.)"

Der Satz bezieht sich eindeutig auf ein Zeugnis, das Jesus gibt, wenn er sich auf eine besondere Weise vorstellt. Das "Zeugnis Jesu" ist demzufolge das eigene Zeugnis, das Jesus selbst gibt durch den Geist der Weissagung (der Prophetie).

Die Übrigen der Endzeit "haben" oder besser "haben noch immer" das Zeugnis Jesu in ihrer Mitte. Weil nun das Zeugnis Jesu der Geist der Weissagung ist, hat der wahre Überrest der Gläubigen in der Endzeit den Geist der Weissagung in seiner Mitte. Der "Geist der Weissagung" besteht aus der Gabe der Prophetie. Das wird auch in Offb. 22,9 noch einmal unterstrichen, wo die Brüder als "Propheten" bezeichnet werden. Das "Zeugnis Jesu" ist seine eigene Bekundung inmitten der Übrigen, nicht bei den Christen im allgemeinen, sondern unter den an Christus glaubenden und seine Gebote haltenden Getreuen, in deren Mitte auch die prophetische Gabe sichtbar wird. In der Endzeit können nur die als die letzten Übrigen betrachtet werden, die den "Geist der Weissagung" als Gabe des Geistes aufweisen können. Und nur diejenigen, die diese Gabe, den "Geist der Weissagung" akzeptieren, sind Glieder der Übrigen.

Schlussfolgerungen

Beim Studium der gesamten biblischen Botschaft bezüglich der Übrigen tritt ein eindeutiges und stimmiges Bild von ihnen zutage.

  1. Die Übrigen des Glaubens sind immer Gottes getreue Nachfolger in Zeiten großer Krisen und des Abfalls.
  2. Die Übrigen des Glaubens gründen ihr Leben auf eine echte, vertrauensvolle Beziehung zu Gott und zu Jesus Christus. In diesem Sinne nennt die Bibel sie "gerecht" und "heilig". Die Übrigen sind jene, die sich sowohl im Glauben, als auch im Leben dem Herrn völlig hingegeben haben.
  3. Die Übrigen des Glaubens wandeln mit Gott und suchen den Herrn; sie sind mit ihm innig verbunden, weil er ihnen ein neues Herz und einen neuen Geist geschenkt hat.
  4. Die Übrigen des Glaubens sind eine "offene Gemeinschaft" von Gläubigen; denn zu ihnen gehören Leute aus jeder Nation und von jedweder Herkunft. Sie sind keineswegs auf eine einzelne ethnische Gruppe oder auf einen einzigen Kontinent beschränkt.
    Diese wahrhaft universale Gruppe setzt sich zusammen aus Männern und Frauen, die aus den unterschiedlichsten Kreisen und sozio-ökonomischen Schichten kommen. Sie haben den Ruf beachtet und mit den angemessenen Taten auch befolgt, weshalb sie zu den Übrigen gezählt werden.
  5. Die Übrigen des Glaubens sind gekennzeichnet durch ihren Gehorsam Gottes Wegen gegenüber, wie er in der Schrift vorgegeben ist. Sie führen einen Lebenswandel und gestalten ihr Leben ganz so, wie die Gebote Gottes es offenbaren.
  6. Die Übrigen des Glaubens beten Gott an, im Geist und in der Wahrheit. Sie haben sich nicht vor Baal gebeugt. (1. Kön. 19,18) Wie Offb. 14,7 beweist, "beten sie ihn (den Schöpfer) an, der Himmel und Erde, das Meer und die Wasserbrunnen" gemacht hat.
  7. Die Übrigen in der Endzeit sind die geistlichen Nachfahren der Übrigen aus allen Zeiten. Trotz der besonderen Prüfungen, denen sie ausgesetzt sind, ist ihre Treue zu Gott unerschütterlich.
  8. Die Übrigen des Glaubens in der Endzeit, die letzten Übrigen also, weisen besondere Kennzeichen auf: Sie "halten die Gebote Gottes" und sie "haben das Zeugnis Jesu", welches der "Geist der Weissagung" ist (Offb 12,17; 19,10).
    Das sind sichtbare Merkmale, die man an den sichtbaren Übrigen feststellen kann. Denn das "Halten der Gebote Gottes" ist ja beileibe keine unsichtbare Erfahrung. Es ist vielmehr eine öffentliche Demonstration, welche die letzten Übrigen von allen andern bekenntlichen Christen unterscheidet und aufgrund derer sie erkannt werden können.
    In der Endzeit können nur die als die letzten Übrigen betrachtet werden, die den "Geist der Weissagung" als Gabe des Geistes in der Gemeinde aufweisen können. Und nur diejenigen, die diese Gabe, den "Geist der Weissagung" akzeptieren, sind Glieder der Übrigen.
    Das Zeugnis Jesu fortgesetzt zu besitzen ist auch keine Erfahrung, die nur in der Heimlichkeit stattfindet. Auch das wird zu einer öffentlichen Demonstration dessen, was sie glauben und zu wem sie gehören.
  9. Die Übrigen des Glaubens in der Endzeit, die Gottes Gebote halten und Jesu eigenes Zeugnis im Geist der Weissagung haben, sind Gottes getreues Volk mit einer Mission für die Welt: Das "ewige Evangelium" und die Botschaft, dass "die Stunde seines Gerichts gekommen ist", anzukündigen. (Offb 14,7)
  10. Der Auftrag der Übrigen in der Endzeit ist nach Jes 66,18.19: "... dass ich sammle alle Heiden und Zungen..." Sie sind vom Herrn gesandt, "...in die Ferne zu den Inseln, da man nichts von mir gehört hat und die meine Herrlichkeit nicht gesehen haben; und sie (die Übrigen des Glaubens) sollen meine Herrlichkeit unter den Heiden verkündigen."
    Diese Mission der Übrigen in der Endzeit findet nach Aussage der Offenbarung statt, wenn die "Stunde des Gerichts gekommen" ist. Sie besteht darin, das "ewige Evangelium denen, die auf Erden wohnen, allen Nationen und Stämmen und Sprachen und Völkern" zu verkündigen. (Offb 14,6-7)
    Die Verkündigung des "ewigen Evangeliums" ist eine allumfassende Aufgabe, von der sich die Übrigen des Glaubens durch nichts ablenken lassen. Es ist das Einbringen der Seelenernte aus allen Völkern überall auf Erden.
  11. Die Verkündigung des ewigen Evangeliums durch die Übrigen in der Endzeit umfasst die Heilsbotschaft für den gesamten Menschen, für Leib, Seele und Geist. Es ist kein verkürztes Evangelium, das sich nur mit der Seele oder nur mit dem Körper beschäftigt, oder das nur einen Teil des Evangeliums auf Kosten anderer Aspekte betont.
  12. Offenbarung 12,17 beschreibt, dass Satan, der Drache, wegen der Übrigen in Zorn geriet. Denn es war ihm nicht gelungen, die wahre Gemeinde in der Wüste zu vernichten. Vor dem Ende wird er erneut versuchen, die Letzten der Übrigen auszulöschen, indem er falsche Lehren verbreitet, das "ewige Evangelium" verkürzt, verschiedene Gottesdienstformen einführt und behauptet, man könne gerettet werden, ohne die Heiligung ernst zu nehmen. Und schließlich wird eine "trübselige Zeit" kommen, wie sie noch nie zuvor da gewesen ist. (Dan. 12, 1) Aber die beruhigende Zusage wird ihnen gegeben, dass während dieses letzten Versuches, die Übrigen zu vernichten, Michael selbst sich aufmachen wird, sein Volk zu erretten. Am Ende jedoch ist die endgültige Erlösung die Erfahrung der Übrigen des Glaubens. Denn sie werden durch diese "Mega-Prüfungszeit" ebenso unbeschadet hindurch gehen, wie Daniel und seine Freunde durch ihre "Mini­Prüfungszeit" gingen.

Wer sind die Übrigen? Da es außerhalb der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten heute keine andere Konfession gibt, welche die Kennzeichen der Übrigen des Glaubens so einzigartig und auffällig trägt, folgt daraus, dass die Adventisten die Übrigen des Glaubens in der letzten Zeit sind, da sie alle Voraussetzungen für die Übrigen erfüllen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es nicht noch andere Gläubige geben kann, die zeitweilig nach dem ihnen verliehenen, geringeren Licht leben. Auch sie sind Kinder Gottes. Aber ehe sie sich nicht denen anschließen, die die Gebote halten und den Glauben Jesu haben, gehören sie nicht zu den letzten Übrigen.

Aber im Laufe der Zeit werden alle Kinder Gottes, ob sie sich nun in christlichen Kirchen oder nichtchristlichen Religionen befinden, sofern sie dem Geist Gottes und seinen Einladungen Gehör schenken, durch die treue und weltweite Verkündigung des ewigen Evangeliums in die sichtbare Gemeinde der letzten Übrigen des Glaubens gezogen werden, die diese Botschaft schon jetzt mit Kraft und Überzeugung verkündigen. Eine einzigartige Botschaft, ein einzigartiges Volk. Die Botschaft der Siebenten- Tags-Adventisten ist nach Ursprung, Inhalt und Überzeugungskraft so ausschließlich biblisch begründet, dass sie auch andere Menschen anspricht und auffordert, sich dem Volk der letzten Übrigen anzuschließen - dem Volk, das aus den treuen Nachfolgern Christi besteht, das die Gebote Gottes und das Zeugnis Jesu hat sowie die Bibel und den Geist der Weissagung.

Sind wir dieses unvergleichliche Volk der Übrigen, mit dem sich Menschen identifizieren, die sich für das bald hereinbrechende größte Ereignis der Geschichte vorbereiten und dem sie sich anschließen? Wenn wir das sind - und das Schriftzeugnis ist an diesem Punkt unmissverständlich - dann lasst uns mit Herz und Händen und unter Gebet die Aufgabe anpacken, zu der uns Er, der im himmlischen Heiligtum Dienst tut, hinführt, um seine glorreiche Rückkehr vorzubereiten.

Möge Gott und Jesus Christus uns die Gnade verleihen, als seine letzten Übrigen demütig und zuverlässig zu sein, in der fortgesetzten Erfüllung seiner göttlichen Anweisung, mit großer Macht das ewige Evangelium zu verkündigen "unter allen Nationen und Stämmen und Sprachen und Völkern." (Offb 14,6)

Gerhard F. Hasel
Professor für Altes Testament an der Andrews-Universität, Autor von "Speaking in Tongues"

Aus der Zeitschrift "AD - STANDPUNKTE" (2. Ausgabe 2 / 2003)

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